Der öffentliche Verkehr ist fast überall defizitär. Abgesehen von einigen wenigen Hauptlinien (z.B. die Bahnstrecke Bern-Zürich oder die VBZ-Tramlinie 11) könnte kaum eine ÖV-Linien ohne Subventionen auskommen. Weshalb also bewerben sich private Firmen überhaupt um defizitäre ÖV-Linien?

Wer eine Buslinie/Tramlinie oder ein ganzes Verkehrsnetz betreibt, kann die Kosten nicht durch Billettverkauf allein decken. Deshalb bezahlt der Staat Abgeltungen, das heisst Subventionen.

Bei einer Ausschreibung von ÖV-Linien fragt also der Staat: Welche Firma fährt diese Linien mit den kleinsten Subventionen?
Wenn ein bestehendes Verkehrsangebot ausgeschrieben wird, dann muss die bisherige Verkehrsunternehmung mit ihrem bisherigen Personalbestand, mit den bestehenden Löhnen und Sozialleistungen rechnen.

Wenn bei der Ausschreibung keine Vorschriften gemacht werden, kann eine neue Firma auf einfachem Weg ein billigeres Angebot machen:

Die neue Firma stellt nur neue, junge und gesunde Chauffeure zu tieferen Löhnen an - und ja keine Frauen, weil diese schwanger werden könnten, dann kosten sie ja nur und können erst noch nicht entlassen werden. So kommt die neue Firma mit weniger Subventionen aus als die bisherige Firma, und trotzdem kann ein fetter Gewinn für den neuen Unternehmer übrigbleiben:
Wenn der neue Betreiber eines Busnetzes statt 10 Millionen Abgeltungen nur 9 Millionen offeriert, so kann er im Wettbewerb gegen die bisherige Firma gewinnen. Wenn er dann die Löhne um 20% kürzt, so bleibt ihm immer noch ein satter Gewinn von gut 1 Million. So kann man mit Defizitbetrieben Gewinne machen.

Die neue Firma ist dann vielleicht etwas billiger, das Verkehrsangebot aber sicher nicht besser. Ohne Rahmenbedingungen bezüglich Personal gewinnt einfach die Firma mit den tiefsten Löhnen, nicht aber diejenige mit der besten Qualität. Das funktioniert so:

  • Die Linie X wird heute von der Firma A gefahren, die Fahrerinnen und Fahrer verdienen durchschnittlich 5000.- pro Monat.
  • Die Firma "Billig AG" macht nun das Angebot, die Linie mit tieferen Löhnen von durchschnittlich 4'500.- zu fahren. Sie gewinnt deshalb die Ausschreibung und die Firma A muss ihr Fahrpersonal auf die Strasse stellen.
  • Bei der nächsten Ausschreibung kommt eine Firma "Noch Billiger AG" und offeriert mit einem Durchschnittslohn von 4'000.- pro Monat. Nun ist auch die Firma "Billig AG" weg vom Fenster. Sie wird deshalb bei der nächsten Ausschreibung mit Fr. 3'500.- pro Monat offerieren...

Wie so ein Dumping-Wettbewerb funktioniert, hat das Beispiel Grossbritannien gezeigt. Von Ausschreibung zu Ausschreibung wurden die Löhne immer mehr gekürzt, bis es schliesslich geschah, dass der siegreiche Unternehmer gar kein Personal mehr fand, um die Busse noch zu betreiben. Und die Qualität wurde immer schlechter, und der öffentliche Verkehr hat dort Millionen von Fahrgästen verloren. Ein spannender Bericht hierzu findet sich auf dieser Website unter der Rubrik International / Grossbritannien.

Aber auch in der Schweiz kann dies geschehen:
1996 und 1998 wurden zweimal im Zürcher Glatttal bisherige VBZ-Linien ausgeschrieben. 1996 gewann die Firma Frölich - sie übernahm den Betrieb mit neuem, billigeren Personal. Und um noch mehr Gewinn zu machen, baute sie aus den Dieselbussen die Russpartikelfilter aus. Russpartikel sind krebserregend, aber der Unterhalt der Partikel-Filter kostet viel Geld. Also fuhren diese Busse fortan zwar ein wenig billiger, dafür stinkend durch Wohngebiete..........