Rita T. arbeitet seit einigen Jahren in der Spitalreinigung. Früher war sie direkt vom Spital angestellt. Dann wurde der Auftrag an eine private Firma gegeben. Rita T. wurde zwar von dieser Firma wieder angestellt. Für die gleiche Arbeit erhält sie jetzt aber pro Stunde 2 Franken weniger.
Erika F. hat zwei Kinder im schulpflichtigen Alter. Bisher konnten sie dreimal in der Woche an einem von der Gemeinde subventionierten Mittagstisch essen. Da die Gemeinde sparen muss, werden die Subventionen gestrichen. Die Mütter müssen sich nun selbst organisieren und an ihren freien Tagen reihum kochen.
Maria B. ist Krankenschwester in der Innerschweiz. Sie ist der Meinung, dass ihre Arbeit gleich anspruchsvoll ist wie die der kantonalen Polizisten, die deutlich besser bezahlt werden, und möchte daher mit Kolleginnen eine Lohnklage führen. Bei ihren Abklärungen müssen die Frauen enttäuscht feststellen, dass eine solche Klage nicht möglich ist, da das Spital vor Kurzem privatisiert wurde. Obwohl der Staat die Mehrheit der Aktien innehat, gilt er nicht mehr als Arbeitgeber.

Frauen sind von Privatisierung und Abbau des Service public in der Schweiz in vielen Hinsichten besonders betroffen:

  • Die wirtschaftsliberale Idee der Effizienzsteigerung im Dienstleistungsbereich beruht auf einem Modell, in dem die viele unbezahlte Arbeit, welche in unserer Gesellschaft überwiegend von Frauen geleistet wird, schlicht nicht vorkommt. Die angebliche Effizienzsteigerung ist also in Tat und Wahrheit eine Verschiebung vom bezahlten in den unbezahlten Sektor: Wenn Krippenplätze und Mittagstische rar oder zu teuer werden, sind es mehrheitlich Frauen, welche die Kinderbetreuung übernehmen. Wenn die Leistungen im Pflegebereich reduziert werden, müssen in der Regel die Frauen einspringen.
  • Wenn der Staat privatisiert und auslagert, verschlechtern sich in aller Regel die Arbeitsbedingungen. Unsichere und prekäre Arbeitsverhältnisse, schlechtere Löhne und Sozialleistungen sind die Folgen der Privatisierung, z.B. wenn die Reinigungsdienste in Spitälern an private Firmen vergeben werden. In Deutschland sanken die Löhne in diesem Bereich durch Auslagerungen um 20 %. In der Schweiz dürften die Zahlen ähnlich sein.
  • Privatisierung heisst immer auch Entlassung. Da im staatlichen Sektor überdurchschnittlich viele Frauen arbeiten - als Lehrerinnen, Krankenschwestern, Ärztinnen, Putzfrauen - sind sie auch besonders vom Abbau dieser Arbeitsplätze betroffen.
  • Der Staat hat eine Vorbild- und Vorreiterfunktion bei der Umsetzung der Gleichstellung. Die Privatwirtschaft lässt sich bisher kaum auf Gleichstellungsmassnahmen verpflichten, wenn sich diese nicht rechnen. Auch ökologische und soziale Grundsätze gelten zumindest in der Sicht der WTO, welche die Privatisierung des Service Public international vorantreibt, als "Handelshemmnisse", die im Rahmen des GATS abgebaut werden müssen. Und schliesslich sind auch Lohnklagen, wie sie in den letzten Jahren von ganzen Berufsgruppen erfolgreich geführt wurden, nicht mehr möglich, wenn diese Berufsgruppen gar nicht mehr beim gleichen Arbeitgeber angestellt sind (vgl. dazu "Lohngleichheit adieu")
  • Wenn die Marktlogik über die Idee der allgemein zugänglichen Versorgung gestellt wird, so bedeutet das immer auch eine Entsolidarisierung. Interessen der ganzen Gesellschaft werden als Einzelinteressen oder Risiko einer Gruppe angesehen und dieser angelastet - so z.B. bei der Mutterschaftsversicherung oder der Altersvorsorge, wo Frauen für ihre statistisch höhere Lebenserwartun büssen sollen.
  • Wenn abgebaut und gespart wird, dann geschieht das oftmals zuerst bei Sozialausgaben und Förderprogrammen, die in erster Linie Frauen zu Gute kommen, beispielsweise bei Gleichstellungsprogrammen oder der familienexternen Kinderbetreuung. Auch die aktuellen Sparprogramme bei der Altersversorgung treffen Frauen stärker als die Männer.

Auf internationaler Ebene stellt sich insbesondere der Aspekt der Entsolidarisierung noch zugespitzt dar. Das Dienstleistungsabkommen GATS mit seiner Philosophie des freien Marktes im Bereich der Dienstleistungen trifft gerade auch Frauen in den ärmeren Teilen der Welt besonders hart. Da Frauen generell über weniger Geld verfügen, sind sie stärker auf eine kostenlose oder erschwingliche öffentliche Grundversorgung angewiesen. Wo diese fehlt, verschärft sich die globale Ungerechtigkeit.

Besonders verheerend ist in verschiedenen Ländern die fortschreitende Privatisierung der Wasserversorgung. Das Wasser wird dadurch so teuer, dass es sich ärmere Menschen nicht mehr leisten können. So müssen beispielsweise in Südafrika die Frauen immer weitere Wege in Kauf nehmen, um sauberes Wasser zu beschaffen. Da das teure Wasser in den Townships voraus bezahlt werden muss, helfen sich die Frauen auch nicht mehr gegenseitig aus - sie können es sich schlicht nicht leisten. Ähnliche Erfahrungen gibt es auch aus anderen Ländern, beispielsweise aus Indien, wo ganze Flüsse privatisiert wurden, die bisher zum Waschen, Fischen und zur Bewässerung von Feldern genutzt wurden. Die Menschen werden durch die Privatisierung ihrer Lebensgrundlage beraubt.

Auch im Hinblick auf die Gesundheitsversorgung wird die Privatisierung für manche Frauen zu einer Frage von Leben oder Tod. In Harare (Zimbabwe) hat sich die Sterberate von Frauen bei der Geburt nach 1995 innerhalb von zwei Jahren verdoppelt, nachdem das Gesundheitsbudget um ein Drittel gekürzt worden war. Auf der anderen Seite führt der angestrebte freie Personenaustausch dazu, dass Gesundheitsfachkräfte aus Jamaica oder den Philippinen in die USA arbeiten gehen, während im eigenen Land ein grosser Mangel an Pflegepersonal herrscht. Laut einem WTO-Bericht von 1995 blieben durch diese Abwanderung in Jamaica 50% der Stellen im Pflegebereich unbesetzt.

Was den Zugang zur Bildung betrifft, so wird aus Zambia berichtet, dass die Privatiserung der Grundschule dazu führte, dass vielfach nur noch die Söhne angemeldet werden.

Es gibt also gerade für Frauen viele Gründe, sich für einen starken Service Public und gegen das Diensleistungsabkommen GATS einzusetzen. GATS erhöht die unbezahlte Arbeit von Frauen und verstärkt die soziale Polarisierung, es führt zur Deregulierung der Arbeitsbedingungen und grenzt "weiche" Werte wie soziale und ökologische Standards, Umwelt, Verbraucherschutz und Geschlechtergerechtigkeit aus.